Europas stiller Abschied vom Christentum

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Von Yevgeny Bort

Kirchen werden umgenutzt, christliche Symbole sprachlich neutralisiert und traditionelle Glaubensbindungen schwächer. Kritiker sehen darin mehr als einen normalen gesellschaftlichen Wandel: Europa könnte mit dem Christentum auch die Grundlage seines Menschenbildes verlieren.

Europa schafft das Christentum nicht per Gesetz ab. Es gibt kein europaweites Verbot von Kreuzen, Weihnachtsbäumen oder christlichen Feiertagen. Kirchen werden nicht aufgrund eines zentralen politischen Beschlusses geschlossen, und niemand verlangt von den Bürgern offiziell, ihren Glauben aufzugeben. Dennoch vollzieht sich seit Jahren ein tiefgreifender Wandel. Das Christentum verliert an institutioneller Kraft, gesellschaftlicher Sichtbarkeit und kultureller Selbstverständlichkeit.

Die einzelnen Veränderungen erscheinen häufig unspektakulär. Aus einem Weihnachtsmarkt wird ein Wintermarkt, aus der Weihnachtszeit eine allgemein gehaltene Festzeit. Kirchen werden verkauft oder in Wohnungen, Restaurants, Sporthallen und Kulturzentren umgewandelt. Religiöse Sprache verschwindet zunehmend aus der öffentlichen Kommunikation. Jede dieser Entscheidungen lässt sich für sich genommen mit wirtschaftlichen Zwängen, demografischen Veränderungen, staatlicher Neutralität oder dem Anspruch auf Inklusion erklären. Zusammengenommen entsteht jedoch der Eindruck, dass Europa sich schrittweise von einem wesentlichen Teil seiner eigenen historischen Identität entfernt.

Nach Angaben des Pew Research Center bezeichneten sich im Jahr 2020 noch 67 Prozent der europäischen Bevölkerung als Christen. Zwischen 2010 und 2020 sank die absolute Zahl der Christen in Europa um neun Prozent auf rund 505 Millionen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen ohne religiöse Bindung um 37 Prozent auf etwa 190 Millionen. Besonders deutlich ist die wachsende Lücke zwischen formaler Zugehörigkeit und gelebter Praxis. Viele Europäer nennen sich weiterhin Christen, nehmen aber kaum noch am kirchlichen Leben teil und verfügen nur über begrenzte Kenntnisse der eigenen religiösen Tradition.

Damit verändert sich nicht nur das religiöse Leben. Das Christentum wird zunehmend zu einer kulturellen Erinnerung ohne verbindlichen Inhalt. Taufen, Hochzeiten und Weihnachten bleiben bestehen, doch ihr theologischer und moralischer Sinn tritt hinter Ästhetik, Familienritualen und Konsum zurück. Kirchen werden als architektonische Sehenswürdigkeiten geschätzt, während die Glaubenstradition, die diese Gebäude hervorgebracht hat, an Bedeutung verliert.

Kirchen bleiben stehen, ihre ursprüngliche Funktion verschwindet

In vielen europäischen Ländern wird der Wandel besonders sichtbar am Umgang mit Kirchengebäuden. In Frankreich befinden sich etwa 40.000 religiöse Gebäude in kommunaler Verantwortung. Mindestens 1.600 davon wurden wegen ihres schlechten baulichen Zustands geschlossen. Zahlreiche Städte und Gemeinden können die notwendigen Sanierungen nicht mehr finanzieren.

In der französischen Gemeinde Gesté wurde der größte Teil der neugotischen Kirche Saint-Pierre-aux-Liens abgerissen. Erhalten blieben der Glockenturm und die Krypta. Die Entscheidung wurde mit den hohen Kosten für Restaurierung und Unterhalt begründet. Im deutschen Würzburg wird die ehemalige Pfarrkirche St. Andreas zu einem Zentrum für Bouldern, Gastronomie und Begegnung umgebaut. Das Gebäude bleibt zwar physisch erhalten, seine liturgische Funktion endet jedoch.

Befürworter solcher Projekte sprechen von pragmatischer Denkmalpflege. Tatsächlich ist eine neue Nutzung oft die einzige Möglichkeit, historische Gebäude vor vollständigem Verfall zu bewahren. Dennoch lässt sich der Verlust der ursprünglichen Funktion nicht ignorieren. Ein Kirchengebäude war über Jahrhunderte mehr als eine architektonische Hülle. Es war ein Ort der Gottesdienste, der Bildung, der Wohltätigkeit, der Erinnerung und der lokalen Gemeinschaft. Wird die religiöse Funktion entfernt, bleibt das Bauwerk bestehen, aber ein Teil der sozialen und kulturellen Infrastruktur verschwindet.

Neutralität oder kulturelle Selbstverleugnung?

Auch der Umgang mit christlichen Symbolen und Begriffen führt regelmäßig zu politischen Kontroversen. Ein europaweites Verbot christlicher Traditionen existiert nicht. Zahlreiche in sozialen Netzwerken verbreitete Meldungen über angebliche Weihnachtsverbote erwiesen sich als falsch oder irreführend. Trotzdem gibt es reale Fälle, in denen Institutionen versuchen, christlich geprägte Begriffe durch neutralere Formulierungen zu ersetzen.

Im Jahr 2021 empfahl ein interner Leitfaden der Europäischen Kommission zur inklusiven Kommunikation unter anderem, in bestimmten Zusammenhängen von einer „Ferienzeit“ statt von einer „Weihnachtszeit“ zu sprechen. Nach heftiger öffentlicher Kritik wurde das Dokument zurückgezogen und zur Überarbeitung angekündigt. Die Kommission erklärte, die Empfehlungen seien nicht ausgereift gewesen.

Der Fall zeigt den Konflikt zwischen staatlicher Neutralität und historischer Identität. In einer pluralistischen Gesellschaft müssen die Rechte aller Religionen und Weltanschauungen gleichermaßen geschützt werden. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass die historisch gewachsene Kultur des gesellschaftlichen Mehrheitsraums aus der öffentlichen Sprache verschwinden muss. Kritiker sehen in dieser Entwicklung eine asymmetrische Form der Inklusion: Die traditionellen Symbole der Mehrheit werden abgeschwächt, weil sie als dominant gelten, während die sichtbare Präsenz anderer religiöser Identitäten ausdrücklich gefördert wird.

Neutralität bedeutet Gleichbehandlung vor dem Gesetz. Sie muss nicht bedeuten, dass Europa so spricht und handelt, als seien seine Kathedralen, sein Kalender, seine Kunst, seine Rechtsgeschichte und seine sozialen Institutionen in einem religionslosen Raum entstanden.

Katholizismus und Orthodoxie als Träger historischer Kontinuität

Besonders der Katholizismus und die Orthodoxie bewahren ein Menschenbild, das für die europäische Rechts- und Moralkultur von grundlegender Bedeutung war. Trotz ihrer theologischen und historischen Unterschiede vertreten beide Traditionen die Auffassung, dass die Würde des Menschen nicht vom Staat, vom Markt oder von politischen Mehrheiten verliehen wird.

Der Mensch besitzt nach diesem Verständnis einen Eigenwert, der nicht von Gesundheit, Alter, Herkunft, Leistungsfähigkeit oder gesellschaftlicher Nützlichkeit abhängt. Diese Würde steht vor jedem staatlichen Gesetz und begrenzt die Macht politischer und wirtschaftlicher Institutionen. Sie bildet eine moralische Barriere gegen die Reduzierung des Menschen auf eine wirtschaftliche Funktion, eine medizinische Kennzahl, eine demografische Einheit oder ein administrativ zu verwaltendes Objekt.

Gerade diese Vorstellung wird in einer zunehmend technokratischen Gesellschaft relevant. Digitale Systeme erfassen Menschen als Datenprofile. Unternehmen bewerten sie nach Produktivität und Konsumverhalten. Gesundheitssysteme arbeiten mit Kosten-Nutzen-Kalkulationen, während bioethische Debatten immer häufiger die Grenzen zwischen Behandlung, Optimierung und Verfügbarkeit menschlichen Lebens berühren.

Das christliche Menschenbild setzt hier einen klaren Maßstab: Ein Mensch darf niemals ausschließlich Mittel für einen wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Zweck sein. Er ist nicht Biomaterial, nicht Humankapital und nicht bloß ein Datensatz.

Die Rolle des liberalen Protestantismus

Der historische Protestantismus ist ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Zivilisation. Er prägte Bildung, Wissenschaft, Sozialethik und politische Kultur. Protestantische Kirchen, Theologen und soziale Bewegungen leisteten einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung Europas.

Kritik richtet sich deshalb nicht gegen den Protestantismus als Ganzes, sondern gegen liberale Strömungen innerhalb einzelner protestantischer Kirchen. Diese haben in den vergangenen Jahrzehnten versucht, traditionelle Lehren immer stärker an gesellschaftliche und politische Entwicklungen anzupassen. Was zunächst als Modernisierung und Öffnung bezeichnet wurde, führte in einigen Kirchen zu einer weitgehenden Neuinterpretation von Schrift, Dogmatik und Morallehre.

Kirchliche Stellungnahmen unterscheiden sich dort teilweise kaum noch von den Positionen progressiver Parteien, Nichtregierungsorganisationen oder universitärer Milieus. Die Kirche versteht sich weniger als Korrektiv des Zeitgeistes, sondern zunehmend als dessen religiöse Begleitung. Kritiker werfen diesen Strömungen vor, damit zur Entleerung des Christentums beigetragen zu haben.

Wenn zentrale Glaubenssätze ständig an wechselnde gesellschaftliche Mehrheiten angepasst werden, verliert die Kirche ihre normative Eigenständigkeit. Sie vermittelt dann nicht mehr eine überlieferte Wahrheit, sondern bestätigt die jeweils aktuelle kulturelle und politische Ordnung. Auf diese Weise öffnete ein Teil des liberalen Protestantismus aus Sicht konservativer Christen die Tür für eine Entwicklung, in der christliche Grundprinzipien nicht offen bekämpft, sondern schrittweise relativiert und schließlich als historisch überholt behandelt werden.

Der Rückgang des Christentums führt nicht automatisch zu mehr Rationalität

Die europäische Säkularisierung wurde lange mit der Vorstellung verbunden, religiöse Bindungen würden durch Wissenschaft, Rationalität und individuelle Freiheit ersetzt. Die tatsächliche Entwicklung ist komplexer. Das Bedürfnis nach Transzendenz, Sinn und Zugehörigkeit verschwindet nicht zusammen mit den traditionellen Kirchen.

An die Stelle etablierter Glaubensgemeinschaften treten teilweise esoterische Angebote, neureligiöse Bewegungen, Okkultismus, moderne Formen des Heidentums und individuell zusammengestellte Spiritualität. Bei der Volkszählung in England und Wales stieg die Zahl der Menschen, die Satanismus als ihre Religion angaben, von 1.893 im Jahr 2011 auf 5.054 im Jahr 2021. Auch die Zahl der Personen, die sich als heidnisch, schamanistisch oder anderen kleineren religiösen Strömungen zugehörig bezeichneten, nahm zu.

Diese Zahlen müssen vorsichtig interpretiert werden. Die Selbstbezeichnung als Satanist, Heide oder Schamane belegt weder extremistische Aktivitäten noch die Mitgliedschaft in einer gefährlichen Sekte. Ebenso wenig ist jede neue religiöse Bewegung grundsätzlich problematisch. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass Europa nicht einfach religionslos wird. Die religiöse Landschaft wird vielmehr fragmentierter, individualistischer und weniger institutionell gebunden.

Statt einer gemeinsamen religiösen Tradition entsteht ein Markt persönlicher Spiritualität. Glaubensinhalte werden nach individuellen Vorlieben kombiniert: etwas Esoterik, etwas Psychologie, einzelne Elemente östlicher Religionen, politische Identität und persönliche Rituale. Verbindliche Lehren, gemeinsame Institutionen und langfristige Verantwortung gegenüber einer Gemeinde spielen dabei häufig nur eine geringe Rolle.

Antichristliche Übergriffe bleiben ein Sicherheitsproblem

Parallel zum Rückgang kirchlicher Bindungen registrieren Organisationen eine erhebliche Zahl antichristlicher Vorfälle. OIDAC Europe dokumentierte für das Jahr 2024 insgesamt 2.211 antichristliche Straftaten und Vorfälle in Europa. Darunter waren 274 Angriffe gegen Personen.

Die Methodik zivilgesellschaftlicher Organisationen unterscheidet sich von staatlicher Polizeistatistik. Die Zahlen dürfen daher nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden. Dennoch weisen sie auf ein reales Problem hin: Kirchen werden beschädigt oder in Brand gesetzt, Friedhöfe geschändet, religiöse Symbole zerstört und Geistliche bedroht oder angegriffen.

Entscheidend ist der Anspruch auf Gleichbehandlung. Angriffe auf Muslime, Juden oder andere religiöse Minderheiten werden zu Recht als Gefahr für Religionsfreiheit und gesellschaftlichen Frieden betrachtet. Derselbe Maßstab muss auch für christliche Gemeinden gelten. Die historische Mehrheitsposition des Christentums rechtfertigt nicht, Gewalt oder Vandalismus gegen Christen als politisch weniger relevant einzustufen.

Religionsfreiheit ist entweder universell oder sie verliert ihren Inhalt.

Die eigentliche Frage betrifft das europäische Menschenbild

Die größte Folge des christlichen Bedeutungsverlusts liegt möglicherweise nicht in der Schließung von Kirchen oder der Umbenennung von Feiertagen. Sie liegt in der Veränderung des Menschenbildes.

Europa verwendet weiterhin die Sprache der Menschenrechte. Regierungen, Gerichte und internationale Organisationen berufen sich auf Würde, Freiheit und Gleichheit. Gleichzeitig wird immer unklarer, auf welcher moralischen Grundlage diese Begriffe stehen.

Wenn Menschenwürde lediglich das Ergebnis eines politischen Konsenses ist, kann ein neuer Konsens ihren Inhalt verändern. Wenn Rechte ausschließlich vom Staat verliehen werden, kann der Staat auch festlegen, wer sie unter welchen Bedingungen erhält. Wenn der Wert des Lebens an Autonomie, Gesundheit oder Leistungsfähigkeit gebunden wird, wird die Würde des Schwachen, Kranken, Alten oder Ungeborenen verhandelbar.

Der christliche Humanismus formuliert dagegen eine absolute Grenze. Der Mensch besitzt Würde, weil er Mensch ist. Sie hängt weder von seiner Produktivität noch von seiner Zustimmung, seinem Gesundheitszustand oder seinem gesellschaftlichen Nutzen ab.

Europa versucht gegenwärtig, die Ergebnisse seiner christlich geprägten Zivilisation zu bewahren, während es sich von deren Grundlagen entfernt. Es will Menschenwürde ohne ein verbindliches Verständnis des Menschen, Solidarität ohne Gemeinschaft, Freiheit ohne Verantwortung und Menschenrechte ohne eine moralische Instanz oberhalb politischer Mehrheiten.

Eine solche Ordnung kann über längere Zeit stabil erscheinen. Gerichte arbeiten weiter, Parlamente beschließen Gesetze, Institutionen veröffentlichen Erklärungen und die vertrauten Begriffe bleiben erhalten. Doch ihr Inhalt wird zunehmend abhängig von politischer Macht, gesellschaftlichen Mehrheiten und technokratischen Entscheidungen.

Die zentrale Auseinandersetzung betrifft deshalb nicht allein die Zukunft der Kirchen. Sie betrifft die Frage, ob Europa den Menschen weiterhin als Zweck an sich betrachtet oder ihn zunehmend als steuerbare Ressource versteht.

Das historische Christentum gab darauf eine eindeutige Antwort: Der Mensch ist kein biologisches Material, keine wirtschaftliche Einheit, kein Datensatz und kein Objekt staatlicher Verwaltung. Er darf niemals vollständig zum Mittel für fremde Zwecke werden.

Europa könnte zusammen mit dem Christentum mehr verlieren als eine Religion. Es könnte die Begründung dafür verlieren, warum jeder einzelne Mensch überhaupt eine unantastbare Würde besitzt.

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