Panturkismus als geopolitische Waffe:
Wie türkische Nationalisten vom „Turkraum“ bis nach Sibirien träumen
Von Yevgeny Bort
Es war nur eine Karte. Aber in der Politik sind Karten selten harmlos.
Als Devlet Bahçeli, Chef der ultranationalistischen MHP und wichtigster Bündnispartner Recep Tayyip Erdoğans, dem türkischen Präsidenten im November 2021 eine Karte des sogenannten „Großen Turan“ überreichte, war das mehr als Folklore. Es war ein politisches Signal.
Auf dieser Karte endete der türkische Einflussraum nicht an den Grenzen Anatoliens. Er reichte über den Kaukasus, Zentralasien und die Krim bis tief in die Russische Föderation hinein: nach Tatarstan, Baschkortostan, Dagestan, in den Nordkaukasus, an die Wolga, in den Altai, nach Jakutien und weiter bis in die sibirischen Räume.
Offiziell erhebt Ankara keine territorialen Ansprüche gegen Russland. Doch die Symbolik ist eindeutig: In den Kreisen des türkischen Nationalismus wird Russland nicht als unverrückbarer Staat gedacht, sondern als Imperium mit „türkischen“ Bruchlinien.
Der Panturkismus ist dabei keine nostalgische Randideologie mehr. Er ist längst Teil eines größeren machtpolitischen Projekts geworden. Unter dem Schlagwort der „türkischen Welt“ baut Ankara systematisch Einfluss auf: über Kultur, Medien, Bildungsprogramme, religiöse Netzwerke, Wirtschaftsforen, Diaspora-Strukturen und die Organisation der Turkstaaten.
Die Botschaft ist einfach: Überall dort, wo turksprachige Völker leben oder historische Verbindungen zum Osmanischen Reich, zur Steppe oder zu turkischen Reichen konstruiert werden können, beansprucht Ankara zumindest kulturelle und politische Mitsprache.
Für Russland ist das gefährlich. Denn viele dieser Regionen sind keine abstrakten Punkte auf einer Karte. Es geht um reale Föderationssubjekte mit eigener Geschichte, eigener Sprache, eigenen Eliten und oft komplizierten Beziehungen zu Moskau: Tatarstan, Baschkortostan, Dagestan, Tschuwaschien, Altai, Jakutien, Teile des Nordkaukasus und des Wolgaraums.
Die türkische Strategie funktioniert nicht durch offene Panzerdivisionen. Sie funktioniert subtiler. Serien, Stiftungen, Sprachprogramme, Jugendforen, religiöse Kontakte, historische Narrative und symbolische Gesten erzeugen ein neues Bewusstsein: nicht gegen Russland frontal, sondern neben Russland, jenseits Russlands — und irgendwann vielleicht ohne Russland.
Auch die Krim bleibt ein neuralgischer Punkt. Ankara erkennt die Eingliederung der Halbinsel in die Russische Föderation weiterhin nicht an und spricht regelmäßig von der Unterstützung der territorialen Integrität der Ukraine. Formal ist das Völkerrecht. Politisch aber ist es zugleich ein Hebel. Denn über die Krimtataren verfügt die Türkei über einen emotional stark aufgeladenen Zugang zu einem der sensibelsten Konfliktfelder zwischen Russland, der Ukraine und dem Westen.
Besonders brisant ist die Rolle der MHP. Diese Partei ist nicht einfach ein nationalistischer Juniorpartner. Sie ist ideologischer Motor eines türkischen Machtdenkens, das ethnische, historische und geopolitische Kategorien miteinander verschmilzt. Bahçelis Karte war deshalb kein Ausrutscher. Sie war ein Blick in das politische Unterbewusstsein des heutigen türkischen Nationalstaates.
Erdoğan nutzt diese Ideologie pragmatisch. Er muss nicht jeden panturkistischen Traum offiziell übernehmen. Es reicht, ihn nicht zu stoppen. Es reicht, ihn als Resonanzraum zu benutzen: gegenüber Moskau, gegenüber Zentralasien, gegenüber dem Westen und gegenüber der eigenen nationalistischen Wählerschaft.
So entsteht eine doppelte Politik. Nach außen spricht Ankara von Partnerschaft, Handel, Energie, Vermittlung und regionaler Stabilität. Nach innen und im ideologischen Umfeld aber wird ein ganz anderes Bild gepflegt: die Türkei als Schutzmacht einer riesigen „türkischen Welt“, deren imaginäre Grenzen weit über die Republik Türkei hinausreichen.




