Von Yevgeny Bort
Eine Warnung Athanasius Schneiders vor den Folgen der Migration, dem Verlust kultureller Kontinuität und der schleichenden Selbstaufgabe Europas

Symbolbild. Migration als Beschleuniger der europäischen Identitätskrise.
„Alle europäischen Werte leiten sich letztlich aus dem Christentum ab – auch jene, die heute als weltlich gelten.“ (Bischof Athanasius Schneider, Weihbischof von Astana)
In zwei ausführlichen Interviews – im August 2025 mit der italienischen Zeitung La Nuova Bussola Quotidiana und im April 2026 mit der deutschen Wochenzeitung Junge Freiheit – hat Bischof Athanasius Schneider eine Warnung ausgesprochen, die weit über einen rein religiösen Streit hinausgeht. Er bezeichnet die Massenmigration als einen politisch gesteuerten Prozess, der die kulturelle und demografische Struktur Europas grundlegend verändern kann. Noch entscheidender ist jedoch ein anderer Punkt: Europa verliert zunehmend die Fähigkeit, klar zu benennen, was es eigentlich bewahren will.
Ich sehe darin weniger einen Konflikt zwischen Religionen als vielmehr eine Krise der europäischen Identität. Das christliche Erbe ist in diesem Zusammenhang nicht nur als Glaubenslehre von Bedeutung. Es bildet einen gemeinsamen zivilisatorischen Bezugsrahmen, der über Jahrhunderte hinweg die europäischen Vorstellungen vom Menschen, von Freiheit und Verantwortung, von Familie, Recht und Barmherzigkeit geprägt hat. Europa verzichtet jedoch immer häufiger darauf, diese Grundlage offen als Teil seiner kulturellen Normalität zu benennen. Die Institutionen und äußeren Formen bestehen weiter, doch das innere Verständnis dafür, welchem Zweck sie dienen und auf welchen Voraussetzungen sie beruhen, geht allmählich verloren.
Migration als Beschleuniger
Migration ist dabei nicht die ursprüngliche Ursache dieser Entwicklung. Sie wirkt vielmehr wie ein Beschleuniger eines Prozesses, der längst begonnen hat. Entscheidungen über Grenzen, Aufnahmequoten, Sozialleistungen, Einbürgerung und Integration werden von politischen Institutionen getroffen. Massenhafte Wanderungsbewegungen dürfen deshalb nicht wie ein unkontrollierbares Naturereignis behandelt werden, für das niemand Verantwortung trägt. Wenn ein Staat durch seine Politik die Zusammensetzung der Bevölkerung nachhaltig verändert, muss er auch offen über die Folgen sprechen: über die Belastung von Schulen und Sozialsystemen, die Entstehung von Parallelgesellschaften, die Veränderung des öffentlichen Raums und den möglichen Verlust gesellschaftlichen Vertrauens.
Besonders deutlich zeigt sich die Schieflage beim Thema Integration. Von der Aufnahmegesellschaft wird fortwährende Anpassung erwartet. Von den Zugewanderten verlangt man dagegen nicht immer mit derselben Entschiedenheit, die Sprache zu lernen, die Rechtsordnung anzuerkennen und die Geschichte sowie die gesellschaftlichen Regeln des aufnehmenden Landes zu respektieren. Die Identität der Zugewanderten gilt als schützenswertes Gut. Die eigene europäische Identität hingegen wird zunehmend wie etwas Verdächtiges behandelt, das sich rechtfertigen und einer endlosen Selbstkritik unterziehen müsse.
Der schleichende Verlust des zivilisatorischen Codes
Auf diese Weise entsteht ein kulturelles Vakuum. Europa verliert die Fähigkeit, den kommenden Generationen eine zusammenhängende Geschichte über sich selbst zu erzählen. Die eigene Vergangenheit erscheint vor allem als eine Abfolge von Verbrechen und historischen Schulden. Die nationale Kultur wird zu einer von vielen scheinbar gleichwertigen Möglichkeiten. Die Familie gilt nur noch als private Konstruktion, während sich die öffentliche Moral in ein ständig wechselndes System administrativer Vorgaben verwandelt. Junge Menschen erhalten Rechte und vielfältige Konsummöglichkeiten. Immer seltener erfahren sie jedoch, zu welcher historischen Gemeinschaft sie gehören und welche Verantwortung sich daraus ergibt.
Genau das bezeichne ich als den schleichenden Verlust des zivilisatorischen Codes Europas. Niemand erklärt offiziell die europäische Kultur für abgeschafft. Niemand verkündet ihre Auflösung. Der Verlust vollzieht sich auf andere Weise: durch den Abbruch historischer Erinnerung, die Veränderung der Sprache, die Schwächung der Familie, die Kommerzialisierung des gesellschaftlichen Lebens und die zunehmende Behandlung des Menschen als Objekt staatlicher oder technologischer Steuerung. Museen, Denkmäler und Feiertagsrituale bleiben erhalten. Doch die Verbindung zwischen diesem Erbe und dem wirklichen Leben der Gesellschaft wird immer schwächer.
Der zivilisatorische Code Europas besteht weder ausschließlich im Glauben noch in der ethnischen Herkunft. Zu ihm gehören die Würde des Einzelnen, Freiheit und Verantwortung, Bildung, der Schutz der Privatsphäre, Gleichheit vor dem Gesetz, die Familie, die Achtung der Arbeit und die Begrenzung staatlicher Macht. Diese Grundsätze sind historisch im christlich geprägten Europa gewachsen. Heute gehören sie selbstverständlich ebenso gläubigen wie säkularen Europäern. Die Verteidigung der christlichen Identität bedeutet daher keine Rückkehr zu einem konfessionellen Staat. Es geht um den Erhalt jener kulturellen Grundlage, ohne die auch die europäischen Freiheitsrechte irgendwann nur noch leere Formeln sind.
Vor diesem Hintergrund erhält Schneiders Kritik an der katholischen Kirche in Deutschland besonderes Gewicht. Seine Worte sind außerordentlich scharf. Hinter ihnen steht jedoch ein reales Problem: Ein Teil der Kirchenleitung wiederholt lieber politisch unverfängliche Formeln, als der Gesellschaft den Sinn und die Bedeutung des eigenen Erbes zu erklären. Eine Kirche, die sich scheut, über die christlichen Grundlagen Europas zu sprechen, beteiligt sich – möglicherweise ungewollt – am Abbau jener kulturellen Erinnerung, deren Hüterin sie eigentlich sein sollte. Von der Kirche wird nicht verlangt, Parteipolitik zu betreiben. Man darf von ihr aber erwarten, dass sie weder ihren Glauben noch ihre historische Verantwortung verleugnet.
Familie, Gemeinschaft und Humankapital
Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Familie. Die Schwächung stabiler familiärer und gemeinschaftlicher Bindungen nimmt dem Menschen seinen natürlichen Halt. An ihre Stelle tritt der vereinzelte Mensch, der immer stärker vom Staat, vom Markt, von digitalen Plattformen und ideologischen Kampagnen abhängig wird. Auf dem Papier verfügt er über zahlreiche Freiheiten. In der Realität wird er jedoch immer häufiger als Arbeitskraft, Konsument, statistische Größe oder Gegenstand administrativer Regulierung betrachtet.
Beachtung verdient deshalb auch Schneiders Vorschlag, nicht dauerhaft die Abwanderung von Menschen zu fördern, sondern stärker in die Entwicklung ihrer Herkunftsländer zu investieren. Der massenhafte Verlust junger, gebildeter und leistungsfähiger Menschen entzieht Afrika und dem Nahen Osten einen erheblichen Teil ihres Humankapitals. Verantwortungsvoller wäre es, vor Ort Schulen, medizinische Einrichtungen, Arbeitsplätze und Infrastruktur zu schaffen und die Lebensbedingungen dauerhaft zu verbessern. Eine solche Politik würde den Menschen in ihren Heimatländern helfen und zugleich den Migrationsdruck auf Europa verringern.
Selbstverständlich kann man nicht alle Migranten für diese Entwicklung verantwortlich machen. Menschen nutzen die Möglichkeiten, die ihnen von europäischen Staaten eröffnet werden. Die entscheidenden Fragen müssen daher an Regierungen, Parteien und supranationale Institutionen gerichtet werden: Gibt es eine Grenze für demografische Veränderungen? Was bedeutet Integration konkret? Welche kulturellen und rechtlichen Normen stehen nicht zur Disposition? Und hat die einheimische Bevölkerung das Recht, den Fortbestand ihrer vertrauten gesellschaftlichen Lebensordnung zu wünschen?
Nicht gegen den Islam – für Gegenseitigkeit
Dabei muss eines unmissverständlich festgehalten werden: Es geht nicht um einen Kampf gegen den Islam. Ebenso wenig geht es darum, Muslimen das Recht auf ihren Glauben zu nehmen. Es geht um Gegenseitigkeit. Wer von einem europäischen Land aufgenommen wird, darf Sicherheit, menschliche Würde und Gewissensfreiheit erwarten. Zugleich muss von ihm verlangt werden können, dass er die Sprache, die Gesetze, die historische Erinnerung, die gesellschaftlichen Regeln und die Traditionen des Landes respektiert, das ihn aufgenommen hat. Integration kann nicht bedeuten, dass allein die Aufnahmegesellschaft sich anpasst und nach den Forderungen der Neuankömmlinge umgestaltet wird.
Menschlichkeit verlangt nicht die Abschaffung von Grenzen. Und Respekt vor dem Fremden bedeutet nicht, das Eigene preiszugeben. Die Hilfe für tatsächlich Verfolgte und Schutzbedürftige ist mit einer kontrollierten Migrationspolitik vereinbar. Religionsfreiheit schließt die Verpflichtung ein, die säkulare Rechtsordnung und die christlich-kulturellen Grundlagen Europas zu achten. Kulturelle Vielfalt kann nur dort bestehen, wo es zugleich eine verbindende gemeinsame Ordnung gibt – und wo die Aufnahmegesellschaft noch in der Lage ist, diese Ordnung zu benennen und ihre Einhaltung selbstbewusst einzufordern.
Das Recht Europas, es selbst zu bleiben
Schneiders Bedeutung liegt für mich deshalb nicht in jeder einzelnen seiner zugespitzten Formulierungen. Ebenso wenig muss man die Vorstellung eines einheitlichen, im Verborgenen gesteuerten Plans ungeprüft übernehmen. Entscheidend ist vielmehr die Frage, die er stellt und der europäische Eliten seit Jahren ausweichen: Kann eine Zivilisation ihre Bevölkerung, ihre Sprache, ihre Familienstruktur, ihre historische Erinnerung und ihre öffentlichen Symbole unbegrenzt verändern und dennoch davon ausgehen, dass sie dieselbe bleibt?
Eine Bewegung zur Rettung Europas, wie Schneider sie fordert, darf keine Bewegung gegen den Islam oder gegen Menschen anderer Herkunft sein. Sie muss vielmehr die christliche Identität als gemeinsamen zivilisatorischen Code Europas verteidigen: das Recht, die eigene Geschichte zu kennen und an die eigenen Kinder weiterzugeben, kulturelle Symbole zu bewahren, vernünftige Grenzen zu setzen, wirkliche Integration einzufordern und andere Weltregionen zu unterstützen, ohne sie demografisch auszubluten.
Europa läuft heute Gefahr, nicht nur einzelne Traditionen zu verlieren, sondern die Fähigkeit, sich als historische Gemeinschaft selbst zu erhalten. Wenn die Europäer nicht mehr ruhig und ehrlich benennen können, was ihren zivilisatorischen Code ausmacht, wird dieser Code ohne einen einzigen offiziellen Beschluss verschwinden – leise, schrittweise und beinahe unbemerkt. Die Bewahrung Europas beginnt nicht mit der Angst vor dem Fremden, sondern mit der Rückkehr zur Achtung vor sich selbst.
QUELLEN
Quelle: Interview mit Athanasius Schneider in der Jungen Freiheit, 5. April 2026
Weitere Quelle: Interview mit Athanasius Schneider in La Nuova Bussola Quotidiana, 23. August 2025




