Den Menschen bewahren

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Es gibt Momente, in denen Schweigen keine Neutralität mehr ist. Wir leben in einem solchen Moment.

 

Yevgeny Bort

Am 20. August 2026 veröffentlichten der Historiker und Experte für Nuklearpolitik Peter Kuznick, Ivana Nikolić Hughes und das Projekt Nuclear Insanity einen Appell an Papst Leo XIV. Darin bitten sie ihn, einen internationalen Krisengipfel einzuberufen, der der Beendigung der Kriege, der Eindämmung der nuklearen Bedrohung und der Wiederaufnahme des Abrüstungsprozesses gewidmet ist.

Ich habe diesen Appell nicht unterzeichnet, weil ich glaube, ein einziger Gipfel könne sämtliche Konflikte der Welt lösen. Ich habe ihn unterzeichnet, weil die Verweigerung von Dialog inzwischen selbst Teil der Kriegslogik geworden ist. Verhandlungen gelten immer häufiger als Zeichen von Schwäche, Kompromisse als Niederlage, Aufrüstung als einzig verlässliche Sicherheitsgarantie.

Wer unter solchen Bedingungen weiterhin zum Dialog aufruft, gilt schnell als naiv. Dabei erscheint es mir weit naiver zu glauben, man könne immer zerstörerischere und autonomere Waffensysteme entwickeln und zugleich dauerhaft die Kontrolle über sie behalten.

Die Stärke dieses Appells liegt darin, dass er sich nicht auf moralischen Protest beschränkt. Seine Initiatoren schlagen einen konkreten politischen Schritt vor: Führende Politiker der Welt, vor allem die Staats- und Regierungschefs der größten Atommächte, sollen an einen Tisch gebracht werden – bevor ein politischer Irrtum, ein technisches Versagen oder die Fehlinterpretation eines militärischen Signals eine Kette unumkehrbarer Entscheidungen auslöst.

Der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im Nahen Osten, die Konfrontation um Taiwan, der Zerfall der bestehenden Rüstungskontrollordnung und der immer leichtfertigere Umgang mit der Vorstellung eines „begrenzten“ Atomschlags sind keine voneinander getrennten Krisen mehr. Zusammen bilden sie eine neue internationale Realität, in der der Abstand zwischen Drohung und Katastrophe immer kleiner wird.

Warum gerade der Papst?

Der Appell an Papst Leo XIV. entspringt weder politischer Romantik noch der Erwartung eines Wunders.

Der Heilige Stuhl besitzt keine Atomwaffen, steht keinem Militärbündnis vor und führt keinen Krieg um Territorien oder Ressourcen. Gerade deshalb verfügt er über eine seltene Möglichkeit, sowohl Ost als auch West anzusprechen – Menschen unterschiedlicher Religionen ebenso wie Menschen ohne religiöse Bindung.

Ein vom Papst einberufener Gipfel kann staatliche Diplomatie nicht ersetzen. Er könnte jedoch einen Raum schaffen, in dem die Bereitschaft zu Verhandlungen nicht automatisch als Kapitulation oder Gesichtsverlust gilt.

Die Geschichte kennt solche Beispiele. Während der Kubakrise 1962 rief Papst Johannes XXIII. Moskau und Washington öffentlich dazu auf, alles zu tun, um eine Katastrophe zu verhindern. Sein Appell half, den politischen Spielraum für eine friedliche Lösung zu erweitern.

Drei Jahre später sprach Paul VI. als erster Papst vor den Vereinten Nationen. Seine Worte „Nie wieder Krieg!“ haben seither nichts von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil: Im nuklearen und technologischen Zeitalter sind sie wörtlicher zu nehmen als je zuvor.

Auch heute kann die Stimme der Kirche Türen öffnen, wo politische Kommunikation durch Sanktionen, Ultimaten und militärische Planung weitgehend verdrängt worden ist.

Deshalb halte ich den Appell an Papst Leo XIV. für zeitgemäß und notwendig. Er verdient Unterstützung. Zugleich bin ich überzeugt, dass die von seinen Initiatoren aufgeworfene Frage weiter gefasst werden muss.

Die Bedrohung betrifft nicht nur das Leben

Für einen gläubigen Menschen – und besonders für einen Christen – liegt die größte Gefahr nicht allein in der möglichen physischen Vernichtung der Menschheit durch einen nuklearen Winter.

Ebenso gefährlich ist, dass wir unsere Vorstellung vom Menschsein und von der menschlichen Natur verlieren: wozu der Mensch da ist, worin seine Würde besteht, wer oder was sie bedroht und mit welchen heute verfügbaren oder überhaupt denkbaren Mitteln sie geschützt werden kann.

Wenn wir die Friedensfrage auf biologisches Überleben reduzieren, greifen wir zu kurz.

Atomwaffen bedrohen die physische Existenz der Menschheit. Doch noch bevor es zur Vernichtung kommt, können wir etwas ebenso Grundlegendes verlieren: die Vorstellung vom Menschen als freier Person, ausgestattet mit Würde, Gewissen und Verantwortung.

Im modernen Krieg verschwindet der Mensch zuerst aus der Sprache. Er wird zur Koordinate, zum Datensatz, zum digitalen Profil, zu einem von Systemen erkannten Muster oder zu einer algorithmisch berechneten Bedrohungswahrscheinlichkeit.

Entscheidungen über Leben und Tod fallen innerhalb komplexer technologischer Ketten. Verantwortung verteilt sich auf Entwickler, diejenigen, die Systeme trainieren, Analysten, Kommandeure und Operatoren – und wird am Ende womöglich sogar auf den Algorithmus selbst abgeschoben. Vielleicht fühlt sich dann niemand mehr in vollem Umfang verantwortlich.

Die Atombombe kann den menschlichen Körper vernichten. Ein algorithmisch geführter Krieg droht schon vorher das Gefühl persönlicher Verantwortung auszuhöhlen.

Die neue Logik der Abschreckung

In diesem Zusammenhang verdient eine These besondere Aufmerksamkeit, die aus dem strategischen Umfeld von Palantir stammt, einem Unternehmen, das eng mit Peter Thiel und Alex Karp verbunden ist.

In einer offiziellen Zusammenfassung des Buches The Technological Republic von Alex Karp und Nicholas Zamiska heißt es sinngemäß:

„Das Zeitalter der nuklearen Abschreckung geht zu Ende, und eine neue Ära der auf künstlicher Intelligenz beruhenden Abschreckung beginnt.“

Diese Aussage stammt von Karp und Zamiska. Im weiteren Sinn verkörpert sie jedoch das, was man als Thiel-Karp-These bezeichnen kann: Im 21. Jahrhundert wird militärische und politische Macht nicht mehr allein auf Atomwaffen beruhen, sondern zunehmend auf Software, künstlicher Intelligenz, autonomen Systemen, Robotik und vernetzten Drohnenschwärmen.

Diese Einschätzung sollte man ernst nehmen. Die Kriegsführung verändert sich rasant. Doch die politischen Antworten darauf werfen grundlegende Fragen auf.

Nach dieser Vorstellung vollzieht sich nicht nur ein technologischer, sondern auch ein geopolitischer Epochenwechsel. Die neue Ordnung ist nicht als multipolar gedacht. Ihr politisches und technologisches Zentrum sollen die Vereinigten Staaten sein. Im Kern bedeutet das eine strategische Ordnung mit globaler Reichweite, aber nur einem dominierenden Zentrum: den USA.

Das bedeutet natürlich nicht, dass militärische KI nur in den Vereinigten Staaten entwickelt wird. Russland, China und andere Staaten arbeiten ebenfalls an solchen Systemen. Gerade darin liegt die Tragweite dieser Vorstellung: Andere Mächte erscheinen als Konkurrenten, die technologisch übertroffen oder abgeschreckt werden sollen; Regeln, Standards und Strukturen der neuen Ordnung dagegen sollen von den Vereinigten Staaten geprägt werden.

Tauschen wir damit nicht schlicht ein Wettrüsten gegen das nächste aus?

Wenn die Antwort auf die Gefahr nuklearer Vernichtung in einem entfesselten Wettlauf um militärische KI besteht, wird die Menschheit den Krieg nicht entwaffnen. Sie wird ihn beschleunigen und automatisieren.

Die Distanz zwischen Angreifer und Opfer wächst. Entscheidungen werden in Sekundenbruchteilen vorbereitet und getroffen. Die politische und moralische Schwelle für den Einsatz von Gewalt sinkt. Zugleich wächst die Versuchung, Verantwortung auf vermeintlich objektive technische Systeme abzuschieben.

Das Atomzeitalter verschwindet keineswegs. Die nuklearen Sprengköpfe bleiben. Künstliche Intelligenz wird in Aufklärung, Zielauswahl, Frühwarnung und die Steuerung strategischer Waffensysteme integriert.

Alte Vernichtungsmittel verbinden sich mit neuer Entscheidungsgeschwindigkeit und technischen Prozessen, die für Menschen immer schwerer zu durchschauen sind. Diese Verbindung allein könnte gefährlicher sein als jede der Technologien für sich.

Das Problem reicht jedoch weit über den militärischen Einsatz künstlicher Intelligenz hinaus.

In seinem Kommentar zu diesem Beitrag weist Professor Juri Wjatscheslawowitsch Gromyko – russischer Psychologe, Pädagoge und Methodologe, Doktor der psychologischen Wissenschaften und Direktor des Shiffers Institute – auf eine noch tiefere Gefahr hin: Technische Systeme können nicht nur anstelle des Menschen an Entscheidungen mitwirken; sie können allmählich selbst zum Muster werden, nach dem der Mensch sein eigenes Denken organisiert.

„Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass KI über ein leistungsfähigeres Denken als der Mensch verfügt und auf Grundlage probabilistischer Berechnungen und großer Sprachmodelle menschenähnliche Texte erzeugt. Sie besteht vielmehr darin, dass große Gruppen von Menschen beginnen, ihr eigenes Verstehen und Denken nach dem Vorbild heutiger KI-Systeme zu organisieren und zu modellieren.“

Hier liegt ein grundlegender Unterschied. KI kann enorme Datenmengen auswerten, Muster erkennen und Handlungsoptionen vorschlagen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie über menschliches Verstehen, Gewissen oder moralische Verantwortung verfügt. Gromyko bringt diesen Unterschied in einer zugespitzten Formel auf den Punkt: „KI ist nichts anderes als künstlich erzeugte Information, die dem Menschen in Form generierter Texte bereitgestellt wird. Ob er sie berücksichtigt oder als falsch verwirft, entscheidet der Mensch selbst.“

Die Gefahr beginnt deshalb nicht erst dort, wo einer Maschine unmittelbar die Befugnis übertragen wird, ein Ziel auszuwählen oder eine Waffe einzusetzen. Sie beginnt auch dort, wo der Mensch sich daran gewöhnt, sein eigenes Urteil an einen Algorithmus abzugeben – zunächst bei Fragen der Effizienz, dann bei politischen Entscheidungen und schließlich bei der Unterscheidung von Gut und Böse.

An diesem Punkt wird die Frage der KI zu einer anthropologischen Frage. Es geht nicht mehr nur darum, ob der Mensch Operator der Maschine bleibt, sondern ob er die Fähigkeit bewahrt, Subjekt seiner eigenen Entscheidungen zu sein.

Die Entscheidung muss menschlich bleiben

Vor diesem Hintergrund erhält der Aufruf Papst Leos XIV., künstliche Intelligenz zu „entwaffnen“, eine sehr konkrete Bedeutung.

Die Enzyklika Magnifica Humanitas richtet sich nicht gegen Technologie. Sie will Technologie aus der Logik militärischer, wirtschaftlicher und geistiger Herrschaft lösen.

Der Papst erinnert daran, dass sich eine moralische Entscheidung nicht auf eine Berechnung reduzieren lässt. Sie setzt Gewissen, persönliche Verantwortung und die Anerkennung des anderen als Person voraus.

Eine Maschine kann Daten verarbeiten, Muster erkennen und vorgegebene Regeln ausführen. Sie kann jedoch weder Schuld empfinden noch im anderen Menschen das Ebenbild Gottes erkennen oder moralische Verantwortung für seinen Tod übernehmen.

Eine Entscheidung über den Einsatz tödlicher Gewalt darf deshalb nicht in einem intransparenten oder vollständig automatisierten Prozess fallen.

Menschen müssen eine bewusste und wirksame Kontrolle behalten. Die Verantwortungskette – von den Entwicklern und denjenigen, die ein System trainieren, bis zum Kommandeur und Operator – muss transparent und überprüfbar bleiben. Geschwindigkeit und Effizienz dürfen bei irreversiblen Entscheidungen über Menschenleben nicht zu den ausschlaggebenden Kriterien werden.

Nukleare Abrüstung und die „Entwaffnung“ künstlicher Intelligenz sind daher keine getrennten Fragen. Im Kern geht es um dasselbe: Bleibt die Menschheit Subjekt der Geschichte, oder wird sie schrittweise zum Objekt technologischer Kontrolle, Klassifizierung und Vernichtung?

Ein Gipfel über die Zukunft der Menschheit

Der vorgeschlagene Weltgipfel sollte sich deshalb nicht auf die Beendigung der gegenwärtigen Kriege beschränken.

Er könnte die internationale Kontrolle über Nuklearwaffen wiederbeleben, verbindliche Grenzen für autonome Waffensysteme festlegen und einen internationalen Mechanismus schaffen, der die Verantwortung beim Einsatz militärischer KI eindeutig regelt.

Doch selbst das reicht nicht aus.

In seinem Kommentar schlägt Juri Gromyko vor, die Agenda noch weiter zu fassen: international über zulässige Grenzen des Einflusses von KI auf menschliches Denken und Bewusstsein zu beraten, algorithmische Manipulation menschlicher Entscheidungen auszuschließen, Ansätze für KI zu entwickeln, die Eigenständigkeit und Handlungsfähigkeit des Menschen stärken statt ersetzen, und schließlich zu fragen, welche Vorstellungen von Menschlichkeit im heutigen technologischen Zeitalter tragfähig sein können.

Im Zentrum eines solchen Gipfels müsste daher eine fundamentalere Frage stehen: Welches Menschenbild liegt den Systemen zugrunde, denen wir immer mehr Macht übertragen?

Bevor wir künstliche Intelligenz darauf trainieren, Menschen auszuwählen, zu verfolgen und zu töten, müssen wir klären, welche Aspekte des Menschseins niemals auf Daten, Wahrscheinlichkeiten, Effizienz oder die Klassifizierung als Ziel reduziert werden dürfen.

Unsere Aufgabe ist nicht, Maschinen eine moralische Autonomie zuzuschreiben, die sie nicht besitzen. Wir müssen vielmehr klare, unüberschreitbare Grenzen für ihren Einsatz setzen und die Verantwortung dort belassen, wo sie hingehört: bei uns Menschen.

Dafür braucht es einen Dialog zwischen Politikern, Militärs, Wissenschaftlern, Entwicklern, Religionsgemeinschaften und der Zivilgesellschaft. Weder ein einzelner Staat noch ein privates Technologieunternehmen darf allein den moralischen Kodex künftiger Kriege bestimmen.

Ich unterstütze den Appell an Papst Leo XIV., weil die Menschheit heute eine Stimme braucht, die nicht im Namen einer einzelnen Macht, eines Militärbündnisses oder einer Ideologie spricht, sondern im Namen des menschlichen Lebens und seiner Würde.

Ein solcher Gipfel garantiert keinen Frieden. Doch die Vorstellung, eine immer schnellere, komplexere und autonomere Kriegsmaschine könne auf Dauer unter menschlicher Kontrolle bleiben, ist weit naiver als jeder Appell zu Verhandlungen.

Frieden ist mehr als die Abwesenheit einer nuklearen Explosion. Er ist eine politische und moralische Ordnung, in der weder ein Staat noch ein Unternehmen noch ein Algorithmus Menschen zu gesichtslosen Objekten reduzieren und sich zugleich der Verantwortung für ihr Schicksal entziehen kann.

Wir müssen nicht nur einen Krieg verhindern, der die Menschheit vernichten könnte. Wir müssen die Menschheit bewahren – bevor sie ihre Menschlichkeit verliert.

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